3 Tage in… (Teil 4)

(von Schwalbenalfred)

3 Tage Himmelszelt auf Isla Balcony

Ich war mal wieder weg. Diese 3 Tage-Trips machen süchtig. Und ich fühlte mich wirklich dermaßen reif für die Insel. Wie Ihr ja lesen konntet, leide ich seit geraumer Zeit unter dem Bipolaren Blog-Out-Syndrom und mein Arzt empfahl mir dringend, nicht mehr ohne Honorar zu bloggen. Seine Empfehlung: Eine Auszeit, um zu entscheiden, wie es weiter gehen soll. Ich entschied mich für Isla Balcony. Den Tipp hatte mir meine Nachbarin gegeben. Prima, dachte ich mir, da war ich das letzte Mal im Winter 2008.

Tag 1:

Ankunft. Die Wände erstrahlen in kartoffelpüree-beige. Irgendwie erdig. Gut so. Ich klammere mich kritiklos an Hobbyfarbpsychologie.

Kurzerhand bekomme ich von Günter aus dem Nachbarzimmer einen Empfangscocktail gereicht. Steeler Krieger. Nun ja, man kennt das ja. Andere Länder, andere Sitten. Günter erklärt: „Man muss landestypisch essen und trinken. Sonst ist es kein Urlaub.” Ich sage „Zum Wohle” und Günter sagt mit erhobenem Zeigefinger „Stoß”. Ich freue mich über mein erstes gelerntes Wort in Landessprache und entscheide mich, während des Urlaubes meine Sprachkenntnisse zu erweitern. Günter sagt: „Wir sehen uns morgen Abend.” Ich schaue fragend. Günter sagt: „20.00 Uhr. Skat und Grillen. Aber jetzt pack erstmal aus und komm an.” Ich merke, ich bin im Urlaub. Wildfremde Menschen duzen mich.

Zweifel kommen auf, ob diese Pauschalreise die richtige Wahl gewesen ist. Man fühlt sich verpflichtet, Kontakte zu knüpfen und am angebotenen Programm teilzunehmen. Zum Glück hatte ich Selbstverpflegung gewählt. Freiheit im Urlaub. Eine wichtige Sache.

Ich beginne mit dem Ankommen und schaue erkundungssüchtig die direkte Umgebung an. Schöner Ausblick.

Das Auspacken geht schnell. Ich habe nur das Nötigste mitgenommen. Will ja entspannen. Die Klamotten sind schnell verstaut und ich beginne, dieses kleine Reich zu genießen. Es ist so ruhig hier und die Wandfarbe hat es mir angetan. Neben ein paar Bäumen und dem Blick auf andere Unterkünfte ist nicht viel zu sehen. Ergo: Kontemplation und Meditation durch Blick auf Kartoffelpüreewände sollen meine erste Urlaubsaktion sein. Nach kurzer Zeit klappt das auch. Ich fühle mich ruhig und komme auf komische Gedanken. Ich beschreibe meine T-Shirt-Farbe als „gekochter Schinken-rosa”. Bekomme kurz Angst, dass ich doch schwerer krank bin, als angenommen, schiebe diesen Gedanken aber schnell beiseite und erkläre die Gedanken mit dem Fehlen von Telefon, Handy, PC, Internet, etc. Frage mich, was die Jungs und Mädels aus DerWesten gerade so treiben. Vermisse sie, verbiete mir aber den Gang ins Internetcafé.

Ich esse noch ein Butterbrot, das ich am Morgen in meine Reisetasche gepackt habe und genieße einen rosa Sonnenuntergang. Jetzt bloß nicht an den Begriff „Schinken-Sonne” denken.

Tag 2:

Ich wache um 5.45 Uhr auf und fühle mich entgegen meinen sonstigen Aufwachgewohnheiten quietschfidel. Es war meine erste Nacht unter freiem Himmel. Die Vögel zwitschern und ich konzentriere mich auf die Geräusche der örtlichen Fauna. Mist, ich kann keinen dieser Piepmatzgeräusche zuordnen. Mir wird klar: Die Welt ist riesengroß und voller toller Sachen. Diese Erkenntnis habe ich verstärkt im Urlaub. Ich fotografiere einen dieser gefiederten Frühaufsteher und mir gelingt ein gutes Bild. Die zu Hause werden staunen. So Etwas haben die bestimmt auch noch nicht gesehen. Weil der Piepmatz so schön kugelrund ist, nenne ich ihn “Schinken-Spatz”.

Der Hunger meldet sich und ich entscheide mich, einen Supermarkt aufzusuchen. Das Glück ist mir hold und an der nächsten Ecke finde ich einen kleinen, putzigen Minimarkt. Ein dunkelhäutiger Mann, der wie ein Ureinwohner Australiens aussieht, grinst mich freundlich an. Ich spüre: Ich bin im Urlaub. Ich muss mich zuerst an dem unbekannten Angebot orientieren und kaufe dann Brötchen, abgepackte Salami, 3 Flaschen Limo, 2 Flaschen Wasser. Der Pakistani-Australo hat meinen Blick gedeutet und fragt: „Touriste?” Ich sage „ja” und er zeigt mir ganz viele „Speziale, Speziale…”. Ich lasse alles „Speziale” einpacken und gehe zurück.

Nach dem Frühstück (Brötchen, Mettwurst und Jägermeister) entscheide ich mich für sportliche Betätigung. Ein paar Kniebeugen, 12 Sit-Ups auf der Liege, ein paar Minuten Laufen auf der Stelle. Ich empfehle mir, dieses Sportprogramm nach meiner Heimkehr weiter zu führen. Immer diese Anwandlungen im Urlaub. Dabei ist es doch so einfach, ein paar Bewegungen mehr in den Alltag zu integrieren. Aber ihr kennt das ja: Im Urlaub geht so Manches einfacher.

Es klopft und eine weiß bekittelte Dame mit Koffer betritt das Zimmer. Ach ja, ich wollte ja auch Wellness im Urlaub haben. Die Dame stellt sich mir vor, ich höre Fetzen eines wohl russischen Namens und in minutenschnelle steht eine Massagebank unter freien Himmel. „Wunderbarowski…” sage ich blödsinnig und tauche ab in wunderbare Welten. Nach einer halben Stunde bin ich ein neuer Mensch und reif fürs Mittagessen. Mein durchmassierter Körper scheint etwas Besonderes auszustrahlen, denn kurz nach Austritt aus meinem Urlaubsdomizil werde ich von einem Ureinwohner angesprochen, der mich prompt zu sich einlädt. Er heißt Raouf, wohnt seit seiner Geburt in der Nähe meiner Unterkunft und beglückt mich mit Kichererbsenpürree, Hähnchen in Tomatensoße und süßem Mandelkuchen. Lecker. Man muss offen sein für Neues, für Fremdes.

Ich fühle mich schon ganz heimisch im fremden Land und nehme Raouf samt Familie mit zu Günters Grillabend. Dort lerne ich noch Jupp kennen, der sich als Gärtner um die Anlage kümmert. Von ihm bekomme ich eine mehrstündige Einführung in „Land und Leute”. Frikadelle heißt hier „Knastpralinchen” und die Frau vom Raouf nennt er „Madka”. Er verführt mich mehrmals zu „Urwaldmaggi”, was ich bis dato nur als „Pernod mit Cola” kannte. Cola heißt hier übrigens „Afrikanischer Riesling”.

Tag 3:

Teil 2 meines Wellness-Paketes wird noch vor dem Frühstück umgesetzt. Brigitte, deren Mann früher Dachdecker war, danach eine Videothek hatte und jetzt wegen Allergie für 400 Euro nachts im Getränkegroßhandel aushilft, macht mir die Nägel. Ich genieße das und ärgere mich, dass ich für so etwas Schönes erstmal einen Urlaub brauche. Naja, die Männer werden das verstehen. Brigitte erzählt mir von ihren ADS-Neffen, der blöden Politik vor Ort, einer schwangeren Lilly und dass sie es schade findet, dass ein gewisser Thomas Strunz jetzt zum dritten Mal geheiratet hätte. Den würde sie gut leiden können. Und 5 Kinder von 3 Frauen? Da würde eins mehr oder weniger auch noch passen. Sie holt ein Foto von Thomas Strunz aus ihrer Geldbörse und sagt, dass ihr Mann eifersüchtig sei. Sei ihr aber egal. Bisschen Spaß müsste ja schließlich sein.

Brigitte ist entwaffnend komisch und ich entscheide mich entgegen meinen sonstigen Einstellungen zum spontanen „Clubtanz” in der Anlage. Brigitte hüpft wie bekloppt vor mir herum und will, dass ich es ihr nachmache. Ich hüpfe und schreie also mit, rufe immer wieder etwas von „Jungle Drum” und „Dummdudummdududududududumm” und gehöre ab sofort zu denen, die im Urlaub etwas tun, was sie zu Hause nie tun würden. Beim Macarena-Angebot ziehe ich eine Grenze. Brigitte umarmt mich herzlich und gibt mir einen dicken Kuss. Diese Ausländer. Diese Herzlichkeit. Muss ich mir eine Scheibe von abschneiden. Schon wieder dieser „Schinken-Gedanke”.

Ich mache mich auf den Weg zum Bauern. Schließlich habe ich mir vorgenommen, einen einwandfrei ökologischen Urlaub zu verbringen. Vorbei an einer Straußenfarm muss ich entdecken, dass es sich um einen Kartoffelbauern handelt. Von wegen, „Wat der Bauer…”, nicht mit mir. Ich setze mich in die angegliederte Gastwirtschaft und löffle eine Kartoffelsuppe. Bin hellauf begeistert, wie mit so wenig Mitteln eine derartig leckere Delikatesse hergestellt werden kann. Ich könnte hüpfen vor Glück. Diese Einfachheit. Das habe ich gebraucht. Brigitte ist nicht in der Nähe und ich hüpfe in mich hinein.

Die Bäuerin gibt mir einen Zettel und ich verbringe meinen letzten Abend auf einer nationalkulturellen Veranstaltung. Schützenbruder Heinz leiht mir seine Trachtenjacke und Bernd hängt mir einen Schal mit einem schwarz-gelben Logo um. Sportfreunde 07. Ich lasse mich in Landestracht fotografieren. Alle sind traurig, dass ich morgen abreise. Wir tauschen Adressen aus und ich verspreche, dass ich wiederkomme.

Den letzten Abend auf Isla Balcony verbringe ich damit, meinen Freunden Postkarten zu schreiben. Die gab es kostenlos in einer Kneipe zu Hause.

Der Tag danach:

Bin völlig neben der Spur. Kann mich nicht an meine Umgebung gewöhnen. Schwelge in Tagträumen bis das Telefon klingelt. Keiner dran. Bin plötzlich aber hellwach, so als hätte ich tagelang tief und fest geschlafen und wunderbar geträumt. Ich entscheide mich, meine Wohnung zu verschönern. Gehe in den Baumarkt. Mittags ist mir nach typisch deutscher Kost. Kartoffelpüree, Olé!

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3 Tage in… (Teil 3)

(von Schwalbenalfred)

3 Tage Bier in Neukölln

Nach meinen 3 Tagen in L.A. war ich hoch motiviert, weitere Reisen zu unternehmen. Ich mag sie, diese 3-Tage Reisen. Kurz, intensiv und das Reisegepäck ist nie schwer. Und ich gebe zu: Ich bin süchtig nach Flüchten aus meiner heiß geliebten Metropole Ruhr.

Diesmal ging es auf Kosten der Steuerzahler nach Berlin. Ein Bundestagsabgeordneter lud ein zur „politischen Bildungsfahrt”. Organisiert in Zusammenarbeit mit dem Bundespresseamt.

Tag 1:

Ankunft im Hotel im Bezirk und Ortsteil Neukölln. 300.000 Einwohner, 160 Nationen und bei Schmuddelfernsehsendern beliebt, um dort nach „Asifamilien” zu suchen, die man in beim täglichen hartzvieren und dessen Folgen filmt. Neukölln wird oft als miefiger, Angst einflößender Hinterhof der Hauptstadt präsentiert.

Ich habe meinen Personalausweis vergessen und darf nicht mit ins Kanzleramt. Ich ziehe auf eigene Faust los. Es ist Mai und die Arbeitslosenquote liegt hier bei 23,8 %. Viel los auf den Straßen. Ich gehe ins Stadtbad Neukölln. http://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/denkmaltag2004/images/fotos/211.jpg

Es ist sehr schön dort und bei Schmuddelsendern wohl nicht so beliebt.

Einer der 27.538 Arbeitslosen Neuköllns lädt mich zum Bier ein. Richard erzählt, dass in der ersten urkundlichen Erwähnung Neuköllns in der Gründungsurkunde von 1360 „det Janze noch Richardsdorp hieß”. Richard aus Richardsdorp gibt mir noch ein Bier aus. Als ich ihm erzähle, dass ich Klaus Kinski mag, schickt er mich ins Kinski http://www.kinskiclub.de/

Während in meiner Heimatstadt noch Caipi getrunken wird, trinkt man hier Atomic Liberator, Mekong Bazooka und Cockmonger.

Zurück im Hotel erzählen mir die anderen vom Kanzleramt. Sie hätten ganz lange vor einem Aufzug gestanden. Der war für sie gesperrt, weil die Kanzlerin fahren wollte.

Tag 2:

Die Gruppe will nach Hohenschönhausen ins ehemalige Stasiuntersuchungsgefängnis. Da war ich schon mal. Ich täusche einen grippalen Infekt vor und mache mich alleine auf den Weg.
Vor dem Hotel stehen drei Jugendliche. Ich höre, wie einer sagt: „Du Opfer”. Ich denke an die Bezeichnung „Problemkiez”, „Maueropfer” und an meine Gruppe, die jetzt etwas über Stasi-Opfer hört.

An der nächsten Ecke sehe ich einen Sprayer. Kunst im Kiez. Dieses Neukölln kommt mir sehr kreativ vor. Er sprüht einen freundlich guckenden Affen. Und wer weiß? Denken wir doch mal an den in Neukölln geborenen Maler Paul Kuhfuss. Eines seiner Bilder wurde vor zwei Jahren für 7200 € verkauft, trotz „partiell minimalem Craquelé”.

http://www.kettererkunst.de/kunst/kd/details.php?obnr=410702246&anummer=330

Ein Mann beschimpft den Sprayer. „Du asoziales Schwein, man sollte mit deinem Kopf die Krakeleien abwischen.” Craquelé und Krakeleien. Ich empfinde diesen Stadtteil als ungemein vielfältig. Symbol einer rissigen Gesellschaft.

Ich frage eine Frau nach der nächsten Pinte. Sie sagt, dass Neukölln mehr türkische Männervereine hat, als Kneipen. Sie erzählt mir beim Döner mit Efes-Bier von der „Werkstatt der Kulturen”

http://www.werkstatt-der-kulturen.de/

Hier entstand 1995 die Idee zum „Karneval der Kulturen”. Ich könnte kotzen, denn ich denke bei einem der leckersten Döner im Morgenland an meine Heimatstadt Essen, die es nicht auf die Reihe bekommen hat, den „Karneval der Kulturen” in der Stadt zu halten. Essen, Du bringst mich gerade zum Würgen.

Zurück im Hotel erzählen mir die anderen von Hohenschönhausen. Sie sind ergriffen von den Eindrücken des Tages. Ich auch.

Tag 3:

Ich kann meinen grippalen Infekt nicht einfach verschwinden lassen und erzähle, dass es mir zwar besser gehe, aber dies nur aufgrund vieler Tabletten, die mir nun auf den Magen geschlagen seien. Die Gruppe macht sich auf den Weg zur Berlin-Rundfahrt.

Berlin ist kunterbunt. Und so auch Neukölln. Auf meinem Streifzug erlebe ich meinen persönlichen „Karneval der Kulturen”. 1/4 der Bevölkerung Berlins besteht aus Personen mit Migrationshintergrund und Angehörigen kultureller und visibler Minderheiten. Recht wenig:

In Vancouver, so ist zu lesen, gehören 47,1 % der Bevölkerung einer „visible minority group” an.

Ich bin begeistert über die vielen verschiedenen Kleidungsstile, die mir hier präsentiert werden. Nubische Schönheiten, Schlabberhosen-Teens, verschleierte Damen und filigran trippelnde Philippininnen. Ich glotze wie ein Dorfdepp beim ersten Trip in die Stadt.

Modehochburg Neukölln? Aber klar doch, ich sage es euch voraus: Neukölln wird demnächst in aller Munde sein. Hier gibt es eine aufkeimende junge Designbranche.

http://blog.styleranking.de/?p=13313

Als Beatlesfan kommt mir bei meinem Spaziergang das „Ringo” sehr gelegen. Ich weiß nicht, wo ich bin, werde aber von einem Taxifahrer am Halteplatz aufgeklärt, dass ich in „Kreuzkölln” bin, dort, wo die Grenzen zwischen Neukölln und Kreuzberg verschwimmen. Schon wieder kommt dieses Kotzgefühl in mir hoch. Morgen bin ich wieder dort, wo man dauernd über „Zusammenwachsen” labert. Hier wächst einfach was zusammen, egal, ob es zusammen gehört oder nicht.

http://www.unievent.de/leben/leben/unterwegs_in_kreuzkolln.html

Zurück im Hotel erzählen mir die anderen vom kunterbunten Berlin und dass es ihnen leid tue, dass ich nur Neukölln gesehen hätte. Wenn die wüssten. Ich sage, dass es mir besser gehe und dass ich nun ein Bier mit ihnen trinken möchte. Sie sind müde und ich drehe meine Runde alleine. Apropos drehen: In Volker Schlöndorffs Film von Günter Grass’ “Die Blechtrommel” wurde die Uthmannstraße in Neukölln zum Danziger “Labesweg”.

Heute trommeln Viele vor Wut über die Darstellung von Jugendgewalt und Hoffnungslosigkeit in Neukölln im Film „Knallhart” von Detlef Buck. http://www.tagesspiegel.de/berlin/art270,1947447

Der Tag danach:

Ich sitze in meiner Stammkneipe und denke ans ferne Neukölln. Meine Stadt langweilt mich. Es pulsiert hier nicht so sehr. Die Städte im Revier haben sich für mich in „böhmische Dörfer” verwandelt. Sie kommen mir unbekannt und fern vor.

Aber der Vergleich hinkt, denn das „Böhmische Dorf” liegt mitten in Neukölln: Böhmisch-Rixdorf, heute auch Böhmisches Dorf genannt, war eine kleine, im Jahre 1737 gegründete Gemeinde, aus der Neukölln hervor ging. Das hat mir Richard im Schwimmbad erzählt.

Nach einem langen, ausgiebigen Schlaf und schönen Träumen genieße ich die gute Luft im Essener Kruppwald. Es ist nicht die Berliner Luft , die ich atme und es ist nicht der Himmel über Berlin, den ich sehe. Aber ich werde dort mal hin fahren…

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3 Tage in… (Teil 2)

(von Schwalbenalfred)

3 Tage Kunst in L.A.

Selbst beim Schreiben dieser Worte bin ich noch ergriffen und beeindruckt.
L.A. ist eine Stadt, die, wenn es um Kunst geht, mich an die Grenzen des Fassbaren bringt.

Ich komme aus einer Großstadt, die allerhand Kunst bietet. Eine Fülle, möchte ich sogar behaupten. Gäbe es da nicht L.A., diese Stadt, die eine unfassbare Fülle bietet und die die Fülle der Kunst in meiner Heimat so klein erscheinen lässt.

Tag 1:

Anthony sitzt neben mir im Flieger. Er zeigt mir eine Skizze, auf denen Urwaldblumen mit kleinen Buchstaben-Tasten einer Computer-Tastatur verschmelzen. Er schenkt mir ein Bild mit einer dunkelhäutigen, nackten Frau, die zwischen Schafen auf einer Wiese liegt. Neben ihr liegt ein Milchtrog. Aus ihrem Mund läuft Milch über die dicken Lippen bis auf ihre Brust.

Ankunft im Hotel. Die Gänge der 5 Etagen sind bestückt mit 150 Kunstwerken.

Tag 2:

Frühstück im „101 Coffee Shop”. Ich genieße einen „Black Eye Shake” und erfreue mich an der urigen Steinwand. Ich schaue auf die Straße und sehe eine glamouröse Dame, die mit eleganten Handbewegungen Anweisungen gibt. Zwei Männer in Pagenuniform transportieren ein Gemälde in den Maßen 3 x 4 Meter.

Ich laufe durch die Straßen. Ich entdecke eine Straßenmalerei, die auf einer 10 Meter langen Strecke abwechselnd Mondrian ähnliche Gebilde und in Warholmanier gemalte Mona Lisas zeigt. Ich bin auf dem Weg zum Mittagessen mit Anthony und sehe zahlreiche Straßenkünstler. Eine silberne menschliche Statue, eine Klarinettistin und 3 Schwarze auf Rollerblades, die, während sie eine waghalsige Tanzvorführung präsentieren, virtuos Geige spielen.

Anthony bringt mir eine Tüte mit, gefüllt mit Literatur über L.A. und mit Post-It-Zetteln bestückt. Ich entscheide mich für das Hammer Museum und besuche das integrierte „Billy Wilder Theater”, dessen Bau 7,5 Millionen Dollar gekostet hat. Danach genieße ich die Sonne im „Murphy Sculpture Garden”.

Nach dem Mittagessen fahre ich mit dem Bus quer durch sie Stadt. Für 5 Dollar habe ich mir ein Tagesticket gekauft. „It’s easy! With 200 Metro Bus lines and four Metro Rail lines.”

Während der Fahrt habe ich das Gefühl, überall sei Kunst. Beim Stop an einer Ampel erwische ich mich, wie ich in ein Schaufenster starre, in dem ein Warhol-Micky Maus-Gemälde hängt. Ich muss feststellen, dass ich in die Auslage eines Disney-Shops schaue. Vor lauter Kunst im Kopf habe ich die ca. 400 Stofftiere in der Auslage nicht registriert.

Ich steige aus dem Bus, setze mich auf eine Bank in einem Park und blättere im „Dreimal Los Angeles-Stadtführer” von Horst Schmidt-Brümmer herum. Eine Gruppe von 26 Frauen steht auf der Wiese und macht chinesisches Schattenboxen. Ich fotografiere eine Übung, die völlig synchron ausgeführt wird. Beim Blick auf das Display meiner Kamera erkenne ich ein Kunstwerk.

Ich esse im „Lost Souls” etwas für Körper und Seele und trinke einen „yerba mate” (earthy, chestnut hand blended in Paraguay, boasts vitamins and minerals for health). Ich bekomme ein Blatt Papier und Stifte und werde aufgefordert, etwas zu malen.

Make Art

Zurück im Hotel falle ich müde ins Bett. Die Klimaanlage stört mich und ich gehe ans Fenster, um den Abschaltknopf, der in Regenbogenfarben leuchtet, zu drücken. Beim Blick aus dem Fenster sehe ich ein Laserspektakel. Eine venezianische Gondel scheint über die Straße vor dem Hotel zu schweben.

Tag 3:

Mein letzter Tag in L.A. Würde gerne länger bleiben. Meine Heimatstadt erscheint mir beängstigend dörflich. Um 10.00 Uhr öffnet die Galerie, in der ich mir 2 Werke kaufen möchte. Einen Kunstdruck eines Künstlers aus L.A. und ein sepiagetöntes Foto (30 x 40cm), auf dem Jack Nicholson zu sehen ist. Während ich mich schon riesig darauf freue, diese Werke in meinem Korridor aufzuhängen, sehe ich die zwei kunstvollen Hartplastikrollen, in die die Verkäuferin meinen Einkauf verpackt. Kleine LED-Leuchten bestücken das Verpackungsgut und wenn man sie einschaltet, sieht man die Skyline von New York (Rolle 1) und Sterne über der nächtlichen Wüste Mexikos, in der Riesenkakteen stehen (Rolle 2).

Ich hetze zurück ins Hotel, hole meine Reisetasche und fahre im Taxi zum Flughafen.

Der Tag darauf:

Jetlag. So denke ich es jedenfalls. Ich bin in meiner Großstadt. Ist irgendwie alles nicht so groß, so bunt, so glanzvoll, so glamourös, so gigantisch hier. Ich sitze in einer Kneipe. Neben mir Anthony. „Wovon träumst Du?”, fragt er mich. „Ich träume nicht, ich denke über die Kunst in unserer Stadt nach.”.

Anthony sagt: „Flieg doch einfach mal nach L.A. Da warst du doch noch nicht. Und dann googelst Du nach Kunst im Ruhrgebiet. Lass Dich inspirieren. Mit Abstand geht das bestimmt gut. Vielleicht gelingt es Dir aus der Ferne besser, etwas Tolles über Kunst im Ruhrrevier zu schreiben.”

Er holt eine Skizze heraus und schenkt sie mir: Jack Nicholson im Grugapark zwischen Schafen.

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3 Tage in… (Teil 1)

(von Schwalbenalfred)

3 Tage Whisky in Edinburgh

Bei Zahnarztempfehlungen schalte ich auf stur. Anders reagiere ich bei Reiseempfehlungen. So habe ich mich auf Empfehlung eines Kumpelsauf den Weg gemacht. Ich packte meinen Sack, um ins Land der Dudelsäcke zu reisen, genauer gesagt, es ging nach Edinburgh.

Was wird mich da erwarten? Ich schaute auf eine Wand in meinem Wohnraum. Dort hängt ein Astrid Kirchherr-Fotodruck der Beatles: 5 Beatles ohne Ringo Starr, dafür aber mit Stuart Sutcliff, der in Edinburgh geboren wurde. Als Beatles-Fan ein Grund mehr, um dem Reisetipp zu folgen.

Zur Einstimmung auf meine Reise hörte ich mir folgendes, Gänsehaut verursachendes Lied an:

Tag 1:

„Hello, Ellwred, I´m Eddy. Nice to meet you. Welcome to Edinburgh.” Ja das nenne ich doch mal lustig: Eddy from Edinburgh. Fred and Ed. Würde mich nicht wundern, wenn sein Bruder Scott heißt. Scott from Scotland. Diesen Wortwitz finden Sie flach? Trinken Sie mal ein Glas Whisky am Vormittag.

Eddy hatte ich über das Internet kennen gelernt. Er hat mir seine Behausung als Unterkunft zur Verfügung gestellt. Kostenlos. Von wegen, die Schotten sind geizig…

Bevor ich aber Eddys Haus und seine Familie kennen lernen sollte, ging es direkt zur Royal Highland Show. In Zeiten der Schweinegrippe fühlte ich mich unter den Rindviechern richtig gut. Und als Großstädter ist diese Freiluft-Agrarveranstaltung ein echtes Erlebnis. Kulinarisch wird man hier auf alle Fälle richtig verwöhnt. So saß ich also an einem Tisch, Eddy sorgte für Whisky-Nachschub und plötzlich wurde es ganz still. Die Queen war da. Ganz in grün. Ihr Kostüm hatte die gleiche Farbe wie mein Polo-Shirt. Ich winkte ihr zu und dachte in meinem Whisky-Rausch: „God bless Eddy, Elly and Ellwred.” Ich dachte jedoch nur, dass ich dies nur dachte, denn ich sprach es wirklich aus. Die Gesellschaft am Tisch lachte und Eddy brachte mich dann in sein Heim.

Tag 2:

Ich wachte auf und fühlte mich frisch und munter. Ich duschte und bemerkte danach, dass auf meinem Bett ein Stoff in bekanntem Schottenkaro-Design lag. Darauf ein Schokobonbon. „Oh, wie nett, dachte ich, legte das Bonbon auf den Nachttisch und versuchte, das schottenkarierte Etwas mit einem Gürtel um meine Hüften zu befestigen. Ich sah komisch aus, aber den Schottenrock nicht anzuziehen, nein, das wäre unhöflich. Schließlich wollte mir Eddy noch ganz viel von Edinburghs Traditionen zeigen.

Ich ging hinunter in die Küche zur Familie. 12 Augen schauten mich an und in sekundenschnelle sah ich 6 Schotten sich vor Lachen krümmen. Ok, ich sah wirklich sehr lustig aus. Als mir Eddy erklärte, dass ich eine Schlafdecke trage, wusste ich: Heute bin ich das Rindvieh. Eddys Sohn Patty setzte mir noch ein goldenes Krönchen auf und sagte: „Queen Ellwred, you`re looking beautiful.”

Eddy erzählte mir vom berühmten Filmfest. Edinburgh als internationales Mekka der Cineasten war mir bis dato fremd. Wir fuhren vorbei an der Felsburg und Eddy plapperte davon, was man so alles in 72 Stunden in Edinburgh erleben kann.

Zum Mittagessen gingen wir ins Skippers. Wir teilten uns eine Portion Muscheln und eine Portion Austern. Wollte ich nie essen. Nicht übel. Ja, die Schotten lieben das Essen. Zahlreiche Gastro-Festivals beweisen das.

Ich wollte nun unbedingt einen schottischen Pub besuchen. Wir landeten im „Whistlebinkies”. Ich empfehle jedem Interessierten, diesen Namen einmal bei Youtube einzugeben. Hier geht’s ab. Das Ende vom Lied: Ich lallte etwas von „Schotten dicht”, fand dies ungemein komisch und erinnere mich nicht mehr daran, was noch geschah.

Tag 3:

Ich wache auf und liege nackt in der Schottenkarodecke eingerollt. Versuche, Erinnerungsbruchstücke des Abends zusammen zu puzzeln. Keine Chance. Egal, ich bin gut angekommen. Guter Eddy. Es kann nur einen geben. Mein Highlander. Finde meine Gedanken komisch und grinse schon wieder. Irgendwie macht mich diese Stadt dauerbesoffen. Ich fühle mich wohl.

Nach dem Frühstück fragt Eddy, ob ich ins Museum gehen möchte. Ich kann mich ob der Fülle nicht entscheiden und frage nach diesem Militärgedöns, was da jedes Jahr stattfindet. Eddy zeigt mir ein Video vom letztjährigen „Edinburgh Military Tattoo”. Ich bekomme Gänsehaut. Vor der imposanten Kulisse der Burg findet unter freiem Himmel ein atemberaubender Zapfenstreich statt.
Eddy fährt mich dann noch ein wenig herum und ich kaufe mir den kleinen friedlichen Tattoo Ted.

Ich fühle, dass mich diese Stadt verzaubert. Ich spüre den Mythos vergangener, manchmal düsterer Zeiten. Ich sitze in Eddys Garten und schreibe eine Kurzgeschichte. Fühle mich inspiriert wie einst die Schriftsteller, die hier Dr. Jekyll, Sherlock Holmes oder den Brillen-Potter erschufen.

Zum Abschluss des Tages laden mich Eddy und Familie ein zur wohl größen Erfahrung dieses Kurztrips.

Ihr könnt es Euch schon denken: Irgendetwas Magisches hat meine Synapsen verklebt. Wer mehr über Edinburg-Erfahrungen lesen möchte, sollte diesen Bericht lesen:

http://www.poeschel.net/reisen/schottland-2007/schottland_12.php

Besonders gefällt mir folgendes Zitat:

„Hier an der Wand finden Sie all unsere Dudelsack-CDs.” Und wie finden wir jetzt bitte heraus was uns gefällt? „Kein Problem, reißen Sie die CD-Verpackungen einfach auf und verwenden Sie diesen CD-Player zum Probehören.” Andere Länder andere Sitten. Wenn man dies in einem österreichischen CD-Laden macht, wird man halb gelyncht.

Der Tag danach:

Wieder daheim. Empfinde Deutschland plötzlich als geizig. Keine Live-Musik bis 3 Uhr nachts am Dienstag. Viel zu wenig sichtbare Folklore. Kein „Samtkragen-Tasting”, keine begleitete „Steeler-Krieger-Erfahrung”.

Meine Nachbarin Marga klingelt und sagt „Mensch Alfred, Gott sei dank, wir hatten uns schon Sorgen gemacht. Du warst 3 Tage nicht aus dem Haus.” Ich sage „Danke, geht schon wieder.” Marga sagt „Tschüss” und ich öffne meinen Schrank. Erhebe noch ein Glas Whiskey (ja, diesmal mit e), proste in Gedanken dankend tmk zu und fühle mich wieder bipolar blogout gestört. Muss endlich mal raus aus diesem Mist…

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Vatertag, der Tag an dem Mutti mutierte

(Geschichte in ruhrpottdeutsch von Schwalbenalfred & Onkel Reinhold)

Also wat ich gestern erlebt hab, dat passt auf keine Orangenhaut. Da war ich in ner ganz schicken Gegend. Reinhold, Manni und ich saßen gemütlich in nem Garten und ich konnte miterleben, wat passieren kann, wenn ein Mann, der gemeinsam mit der werten Gattin andauernd proklamiert, eine gleichberechtigte Beziehung zu führen, sich entscheidet, den Vattertach zu zelebrieren.

Dat war so: Der Nachbar von Manni hat sich entschieden, sich am Vattertach zusammen mit Freunden an den Rhein zu begeben. Inklusive Golf-Schnupperkurs. Dat sollte nach seinen Angaben abber nur nebenbei laufen. Schließlich ging et ja um Rambazamba und Hochprozentiges. Die Alte von ihm hat dann kurzerhand ihre Freundinnen eingeladen. Weibertach! Mit Übernachtung: Motto: „Luder”.

Da saß ich also beim Manni auffe Wiese und konnte mir die gesamte Luderparade beim Einlauf angucken. Alle so kurz vor Mitte vierzig, gut gebaut, beruflich tätich und mit Kinders bestückt, die abber am „Ludertach” nich dabei sein durften.

Da kamen se dann alle über den Kiesel gelaufen: Die Zahnarztfrau, die Rechtsanwaltsgattin, die geschiedene Gynäkologen Ex-Frau, die Frau des Ratsmitgliedes und, und, und.
Gez sah dat abber nich so aus wie bei „Sex and the city” oder bei „Desperate Housewifes”. Et schien eher so, als ob die besoffenen Sue Ellen aus Dallas oder die lockige Popamsel Sandra ausse Achtziger einfliegen. Nur mit modernem Gedöns, so Prada-Täschken ausse 2009er-Kollektion und so Dschimmischoo-Schühkes.

Jau, und zu Beginn det Dramas flog son ganz bescheuerten Stelzvogel direkt inne Einfahrt hin. Aus der Tasche rollte son rosafarbenet Dösken Prosecco mit der Aufschrift „Tussi on tour” raus. Die Metallic-Blondine sah so aus, als hätte se seit der letzten Schluckmuskelprellung der letzen Nacht kein Auge zugemacht. Ich hab se dann aufgehoben und rein gebracht.

Im Wohnzimmer haben se alle Sing-Star gespielt. Madame Rechtsnwaltsgattin probierte es mit Eminem. Dat würde se von ihrem Sohn kennen, dem Jonathan-Imanuel.

Jau, denk ich, du bis en echtet Luder. Ganz schön keck, sich die Stoffserviette ummen Kopp zu binden, mit den Armen dat Trainingsritual eines Boxers zu imitieren, den Text nich können, aber beim „Dadadadada” wie bekloppt mitschreien und dazwischen immer widder vom Johnny-Imanuel zu erzählen, dat der dat ganz Lied auswendich könne. Ein Luder, wie et im Buche steht. Der Abtörnmodus in meinem Körper war erstma ausgeschaltet.

Ich durfte nen bissken bleiben. Zum Essen. Dat bestand aus Ruccola-Salat und Pizza. Den Ruccola haben se alle gemümmelt und dabei jede Menge erzählt, wie se dat so selber zubereiten würden und dat man den auch schön auf Pizza legen könnte. Verdammte Salat-Luder. Hömma, wie sich da zwei angegiftet haben, ob man nun besser Parmesan oder doch nur Olivenöl drauf kippt, dat erinnerte son bissken an Schlamm-Catchen, nur ohne Schlamm und Anfassen. Quasi schon semi-ludertauglich.

Im Laufe des Tages wurde et dann doch son bissken wie „Sex in the Society-Ruhrpott” oder „Desperate Emscher-Deluxe-Wifes”, nur mit dem Unterschied, dass die Fernsehheldinnen ihre Weibertreffen nie im „Luderkostüm” veranstalten. Dat tragen se nur auswärts. Für die männliche Augenerfrischung. Dat hab ich den Mädels dann auch gesacht und dann war erstma Schicht im Vorort-Villen-Schacht. Da merkten se, dat dat ganze Ludertum nur wat bringt, wenn Männer dat sehen.

Dat ganze „Och Kersin, wat siehsse guuuut aus…” und „Och, du meine Güte, den Mini habe ich auch noch im Schrank, den muß ich ma widder raus holen” und „Ist dat Nummer 12 von Ihf Säng Lorong? Ohh, super Farbe” war vorbei.

Ich hab se dann aufgeheitert und nen bissken gestrippt. Dat hab ich bei den California-Dream-Men abgeguckt und dann die „Borbecker-Bierbauch-Boys” gegründet.

Nach dem Strip gab et Applaus, bis Psychologin Babette aufsprang, um mir nen Einlauf auf therapeutische Art unter Genever-Einfluss zu geben. Mann, hat die mich angekeift. Ich würde eh stören, Männer seien eh nich eingeplant gewesen und dat mitte Kleidung machten se nur für sich selbst und ihre Weiblichkeit. Und schließlich sollten doch die Ehemänner am Abend entscheiden, ob dat hormonmäßig wirken würde und so.
Monteursgattin Heidi nahm mich innen Schutz. „Lass den Alfred in Ruhe. Du hast doch sowieso nur ein Interesse: Immer und überall im Mittelpunkt zu stehen. War doch klar, dass du heute wieder als der bunteste Vogel auftauchst.” Schweigen im Weiberwald. Dann ein Knall. Die frisch geschiedene Karoline war mit der Bowle-Schüssel im Arm auf einen Klapphocker geplumpst, der, vorher noch klappernd, nun aber eingerastet, ordnungsgemäß benutzt werden konnte. Allgemeine Heiterkeit, Gott sei Dank, noch mal gut gegangen. Eine Runde Kaffeelikör folgte auf den Schreck und weiter gings mit Sing Star.

Um 18 Uhr hat der Tanzstil „Luderniveau” erreicht. Laune gut, alle blau, bis ein Wischmop-Luder ans Spülen erinnerte. Och nee, nich doch. Für mich war dat unfassbar. Aus den abgefüllten Luderanwärterinnen wurden wieder simple „Drunken Housewifes”. Et wurd gespült, geputzt und sogar gefegt und gesaugt. Und dabei über Weichspüler und Mikrofaser gefaselt. Luder meets Meister Proper. Hömma, so wie die über Haushaltsreiniger sprachen, dat hatte dann doch noch wat erotisch anrüchiget. Da kam gleich son Bild in mir hoch: Da lag der nackte Meister Proper mit der Heidi und der Karoline im Bett…

Plötzlich klopfte es. In Jeans und Top kamen Nora und Simone und gröhlten „Mädels, wir wären dann soweit…Paaartyyyy…”. Die beiden kamen vom Baldeneysee, vom alljährlichen „Vatertags-Vater-Beobachten”. Die Partystimmung war wieder angeheizt, der Sing Star wurde reaktiviert und eine kam auf die Idee „Komm, wir machen Whisky-Tasting.”

20 Uhr. Vor der Tür sehe ich die Gatten der Luderriege einmarschieren. Strohnüchtern. In den Augen blankes Entsetzen. Ich frach locker in die Runde, wie et denn so war. Einer sachte: „Golf war gut. Wir sind dann noch Fahrrad gefahren.”

Schnell stand fest: Diese beiden Geschlechtsgruppen kommen heute nich mehr zusammen. Gatte A glotzte paralysiert Gattin B auf die Beine, während Gattin A beleidigt aufgrund der Gattenignoranz gegenüber ihren Beinen, den Whisky zum Getränk 2009 hochjubelte. „Karamba, Karacho, ein Whisky, Määääännor sind Schweiiine…”

Die Männer rotteten sich auf der Terrasse zusammen. Die Hausherrin entschied zu Handeln, wankte auf ihren Ehemann zu und sagte: „Mit dir rede ich heute keinen Schluck mehr” und verschwand wieder ins Luderhaus.

Die Männer entschieden sich zur gemeinsamen Übernachtung beim Rechtsanwalt Alexander. Der führte den Tross an und sprach „Ehe ist die Abkürzung für „errare humanum est”, Irren ist menschlich. Los, ich habe noch eine Kiste Bionade im Haus.” Ein paar Männer und Frauen riefen noch „Tschüss Schatz” und „Pass auf Dich auf” und sowat. Auch ich entschied mich, nach Hause zu gehen.

Ich musste noch einmal zurück. Babette lag am Jägerzaun und rief nach mir. Sie stand auf und sagte „Alfred, danke für deine Hilfe und den Strip.”

Dann gab et nen Schmatzer vonne Psychologin. Und wat für einen. Dat Luder!

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Der November-Opa

(Geschichte in ruhrpottdeutsch von Onkel Reinhold & Schwalbenalfred)

Es ist November und alle drehen durch. Dieses Gefühl habe ich auf jeden Fall. Man dreht die Uhr eine Stunde zurück und das Volk dreht durch. Manchmal denke ich, diese Stadt verwandelt sich im November in Zombie-City, die Stadt der lebenden Bekloppten.

In solchen Zeiten ist es gut, einen guten Kumpel zu haben, der einem beisteht. Einen, der für dich in diesen tristen Tagen ein praktisches Überlebens-Training für den grauen Alltag bereit hält. So einen Kumpel habe ich. Den Reinhold. Und als ich ihm von meinen November-Beobachtungen erzählte, nahm er mich zur Seite und las mir eine Geschichte vor. Eine Geschichte, die ich Euch nicht vorenthalten möchte. Viel Spaß beim Lesen:

Mann, wat war dat früher schön

Immer, wenn der November-Blues erklingt, rufe ich meinen toten Oppa und gehe mit ihm ein Stücksken gemeinsam durch die oft triste Ruhrpott-Welt. Oppa sacht dann oft „Früher war auch nich alles besser, aber Mann, wat war dat früher schön!”

Wenn in diesen Tagen nicht nur Mon Cherie auf den Bildschirm wiederkehrt, sondern auch cholesterinsenkende Margarine und Anti-Blähbauch-Milchgetränke in Dauerschleife gezeigt werden, bekomme ich schlechte Laune. Wie soll man denn son lecker Butter-Spekulatius oder ne Gans genießen können, wenn einem der Cholesterin-Messias und der Pups-Bauch-General via Flimmerkiste unablässig mit frühzeitigem Tod drohen? Also ich persönlich bin nach ner Gans so pappsatt, hömma, da passt keine Margarine oder sonne Blähbauch-Plörre mehr rein. Und immer dann, wenn ich in dieser Stimmung bin, wenn mich also die Medien ma widder völlig ausse Lebens-Genießer-Spur gebracht haben, dann kommt Oppa und sacht: „Friss nich wie son Scheunendrescher, Bursche! Wenne son fettet Flattervieh in deinem Balg die Pupsmaschine anwirft, is dat nun mal so. Und da brauchse auch nich nach den beschmierten Zwillingen von Ratiopharm zu rufen. Glaubst Du denn ehrlich, dat die beiden dürren blonden Pharma-Hippen jemals ne Gans vertilgt haben? Ich sach nur eins: Ersetz einfach die Cornflakes durch ne Pulle Korn und schon is die Hausapotheke gut bestückt.”

Oppa erzählt mir auch gerne Geschichten von der Theke. Von seiner Theke. Wo der Wirt sagte „Auf einem Bein kann man nicht stehen” und Oppa sacht dann „Zapf an, Herr Wirt, meine Vorfahren waren Tausendfüssler”. Und dann sacht Oppa: „Mann, wat war dat früher schön. Wat haben wir fürn Spaß gehabt. Und dat alles völlich lattemachhiatofrei.

Da gab et noch Wirte und Wirtinnen, die auch ohne Happy Hour mal ne Runde gegeben haben. Und inne Küche da stand, dat glaubse nich: nen Koch! Und zwar immer. Da wär keiner auf die Idee gekommen, ma kurz beim WDR ne Wurst inne Pfanne zu schmeißen, um dann zu behaupten, er sei Promi-TV-Koch.”

Oppa redet sich dann gerne in Rage. Er zeigt mir auch gerne alte Fotos. Gestern hielt er mir ein altes Familienfoto unter die Nase und sagte: „Siehsse, siehsse, alle gut frisiert, odder?” Ich musste zugeben, er hatte Recht. „Siehsse”, sagte er, „damals gab et Friseure und Männer und Frauen, die den Umgang mit der Schere noch selbst beherrschten. Heute gibt et viel zu viel. Die ganzen Drogeriemärkte sind in puncto Haare doch quasi nen Paradies für Selbstverstümmelungs-Experminente. Und noch viel schlimmer: An immer mehr Theken und auf Partys taucht diese neue Gattung auf: Promi-Friseure. Dat hättet früher nich gegeben. Wenn ich mir dat nur vorstell, dat heute einer zum Promi wird, nur weil er den Fettkopp von George Clooney schamponiert odder der Grinse-Klum dat Spliss wegschnibbelt, nee, dat geht nich in meinem Kopp.

Apropos Kopp: Wat wir uns früher so in den Kopp geschüttet haben, war auch nich immer dat Beste, aber wir hatten ja nix Anderes. Und wat machen se heute? Saufen freiwillig Pils-Orangen-Schörlchen odder Wodka mit Diät Red Bull, mein lieber Reinhold, sowat nenn ich „flüssiger Kopfschmerz auf Bestellung.”

Ja, der November, da redet man gern und oft über Tod, Krankheiten und andere fiese Befindlichkeiten. Man kommt gar nich daran vorbei. Auf der Straße lungern die Spendensammler in Herden herum, der Briefkasten is voller Bittbriefe und im Fernsehen zeicht Günter Jauch jede einzelne trockene Schuppe eines an Neurodermitis erkrankten Kindes. Dazu erklärt er, dass es jeden treffen kann. Immer und in jedem Alter. Und dann kommt die Werbung, die einem statt Palmolive-Creme vorsichtshalber schon mal eine Pulle Feuchtigkeis-Lotion aus der Apotheke präsentiert, die nicht nur bei trockener Haut, sondern auch bei Neurodermitis Linderung verschaffen soll. Wie gesagt, nur in der Apotheke erhältlich. Wenn ich sowat seh, fängt et bei mir sofort an zu jucken.

Oppa meint, dat dat früher viel besser war, als man einzig und allein zum Apotheker ging, wenn man krank war und ihm sei im Fernsehen ein besoffener Juhnke odder nen dämlicher Heinz Schenk allemal lieber, als der Apotheker von nebenan. Dat sei doch schließlich der Job von dem Harald und dem Bembel-Heinz. Schuster bleib bei deinen Leisten.

Mein Vatter sagt über Oppa oft: „Oppa is en Arschloch, abber der kann nich anders, der war im Kriech.” Dat dachte ich gestern auch, als Oppa nen TV-Apotheker derart beschimpfte, dat et mir die Sprache verschlug. Er nahm seinen Stock, kloppte diesen auf den Aus-Knopf der Fernbedienung und schrie: „So, gez is Widerstand angesacht, hier wird nie wieder ein ganzes Volk verarscht, Du weißgekittelten Heilmittel-Hitler!”

„Oppa” rief ich entsetzt, abber Oppa hatte nen Lauf. Er war außer Rand und Band und erklärte mir seine Theorie über die Kuhmilch-Nazis, ich wiederhole: Kuhmilch-Nazis! „Junge” meinte er er „schau mal hier”, er zeigte mir ein altes Klassenfoto, „hier, 36 Halbwüchsige und keiner hatte ne Allergie. Jaaa, früher, da durfte man noch Negerkuss sagen, ohne dass man als intolerant galt. Und heute? Heute predigen se überall Toleranz und dat halbe Volk is voller Kuhmilch-Nazis, odder wie ihr sacht: Menschen mit Laktoseintoleranz. Da siehsse doch, dat hier wat nicht stimmt. Mann, wat war dat früher schön.”

Ich sachte: „Oppa, wat solln wir denn machen?” Oppa schüttelte denn Kopp und murmelte „Jung, Jung, Jung, dreh mal die Uhr zurück.” „Hmm”, antwortete ich, „haben wer ja eigentlich schon.” Oppa schlug mir auf den Hinterkopp und bölkte „Ja wat habt ihr denn wirklich? Früher fuhren wir in unbequemen Autos über die Alfredstraße. Heute steht ihr da stundenlang in bequemen Autos im Stau herum. Wat nen Fortschritt, Ihr Dösköppe.

Früher, da kannte man noch die Kuh, man war quasi mit ihr auf Du und Du. Von Kindesbeinen an. Da wurd dir die Toleranz inne Wiege gelegt. Abber heute? Heute denkt man doch, die Kuh sei lila und kackt Alpenmilchschokolade. Und früher, da haben wir noch mit unseren Nachbarn und Chefs geredet. Und wat is heute? Da brüllt ihr beim kleinsten Streit Euer Gegenüber an und tönt drohend, dat die Kanzlei von Eurem Rechtsanwalt so groß is, wie die Schalker Arena. Pfui, ihr solltet Euch wat schämen. Für die Arena übbrigens auch.”

So saß ich mit Oppa schon oft zusammen. Und auch in diesem November verbringe ich gerne meine Zeit mit ihm.

Ja, in diesen Tagen, wo die Dunkelheit einkehrt, wo sich unsre Seele genau wie das Jahr mal wieder einem Ende zuneigt, da is son Oppa wat richtich Feinet. Auch wenn seine Witze einen langen Bart haben, so wie „Guck mal” und dann zeigt er nach oben, „nen Flugzeug mit Anhänger”, ja, auch wenn seine Witze einen langen Bart haben, so ist mir seine Anwesenheit lieber, als die von einem gewissen Herrn Mario Barth, dessen Witze mir niemals so lange in Erinnerung bleiben werden. Mann, wat war dat früher schön mit Oppa. Und da isset gut, wenn ich ihn auch heute noch oft treffe. Et is nämlich nur halb so verrückt, mit seinem toten Oppa auf Trallafitti zu gehen, als dat man gemeinsam mit Frucht- und Fleckenzwergen in Media- und Saturnmärkten rum läuft und keinen Arzt oder Apotheker da ist, der einen über die Risiken und Nebenwirkungen aufklärt.

Da sitze ich doch viel lieber mit Oppa zusammen und wir singen nen bissken. Zum Beispiel dat hier und dat gilt auch für Euch, wenn et ma widder dunkel wird im Leben:

(Melodie: Refrain von „Tür an Tür mit Alice”)

Ich weiß nich wo et lang geht,

woran man glauben kann,

doch eins bleibt so wie früher

und dat hält auch morgen an,

is et dunkel und grau,

sauf mit Oppa mal bis et hell is.

Fühlst Du dich ma alleine,

ist’s überall nur kalt,

ruf einfach mal nach Oppa,

denn der ist ne Lichtgestalt,

er war da und bleibt bei dir,

bis deine Welt widder schön hell is.

Mann, wat is dat auch heute noch schön,… mit Oppa!

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Eckkneipensterben (Teil 2, Die Träne des Wirtes)

(von Schwalbenalfred)

Er putze dieses Ding. Ich schaute ihm zu und fragte mich, wie dieses Ding heißt. Dieses gelochte Blech, das unter dem Zapfhahn liegt.

Er putzte es mit Würde. So wie jeden Tag. Ich hatte das schon tausendfach gesehen. Ein ganzes Jahrzehnt lang habe ich immer wieder beobachtet, wie er am Ende des Abend dieses Ding säuberte. Langsam und bedächtig.
Andere hatten es sogar mehrere Jahrzehnte lang beobachten können.

Heute war es das letzte Mal, dass er das Ding putzte und polierte. Seine Kneipe wird geschlossen. Für immer. Mit einer eingeübten Regelmäßigkeit fuhr er mit dem Lappen hin und her. Ich lächelte traurig, denn es wirkte fast meditativ auf mich, dieses Hin und Her des Lappens. Die Zeit stand still. Dann rief ein anderer Gast: “Da kommt der Willi”, aber Wili lief an der Kneipe vorbei. Ich sah Willis Mütze durch das Kneipenfenster und dachte: “Mensch, Willi, morgen ist Montag. Der Tag, an dem Du immer hier auftauchst.”

Ich bezahlte meinen Deckel und verlies diesen mir so vertrauten Ort, den ein weiser Mann einst als “Rangierbahnhof der menschlichen Seele” bezeichnete.

Was mir so viele Jahre als Teil meines Lebens erschien, ist nun weg. Die geöffnete Tür zu meiner Kneipe, zu meinem Wirt, ist für immer geschlossen.

Das Ende eines Buches ist geschrieben. Was in diesem Buch steht, wird niemand lesen können. Es hat zu viele Seiten. Auf den letzten Seiten passiert kein Showdown, kein “Ende gut, alles gut”, kein “Prinz findet Prinzessin”. Oder doch?

Ich schlage das Buch zu und sage: “Happy End”. So viele Seiten, voll geschrieben mit Dramen, Tragödien, Klamauk, Liebesromanzen., Krimis, Alltagsgeschichten, Lebensweisheiten, Glück- und Unglücksgeschichten, dieses Buch braucht ein Happy End. Das glückliche Ende soll heißen: Er hat das Ding mit Würde geputzt. So, als wäre nichts anders als zuvor, so, als würde er morgen wieder seine Kneipentür öffnen.

Und er wird sie immer wieder öffnen. In seinem Buch. Und wenn er daraus vorliest, wird es sein, als stünde man an seiner Theke. Er möge viel vorlesen. Den Protagonisten seines Buches und denen, die das Leben auf dem Rangierbahnhof der menschlichen Seele lieben.

Auch er liebt das Leben. Sonst hätte er das Ding bestimmt nicht geputzt. Wenn Du ihn triffst, frag ihn mal, wie das Ding heißt und frag ihn mal nach einer Geschichte aus seinem Buch. Er öffnet Dir sicher die Tür.

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