(von Schwalbenalfred)
3 Tage Himmelszelt auf Isla Balcony
Ich war mal wieder weg. Diese 3 Tage-Trips machen süchtig. Und ich fühlte mich wirklich dermaßen reif für die Insel. Wie Ihr ja lesen konntet, leide ich seit geraumer Zeit unter dem Bipolaren Blog-Out-Syndrom und mein Arzt empfahl mir dringend, nicht mehr ohne Honorar zu bloggen. Seine Empfehlung: Eine Auszeit, um zu entscheiden, wie es weiter gehen soll. Ich entschied mich für Isla Balcony. Den Tipp hatte mir meine Nachbarin gegeben. Prima, dachte ich mir, da war ich das letzte Mal im Winter 2008.
Tag 1:
Ankunft. Die Wände erstrahlen in kartoffelpüree-beige. Irgendwie erdig. Gut so. Ich klammere mich kritiklos an Hobbyfarbpsychologie.
Kurzerhand bekomme ich von Günter aus dem Nachbarzimmer einen Empfangscocktail gereicht. Steeler Krieger. Nun ja, man kennt das ja. Andere Länder, andere Sitten. Günter erklärt: „Man muss landestypisch essen und trinken. Sonst ist es kein Urlaub.” Ich sage „Zum Wohle” und Günter sagt mit erhobenem Zeigefinger „Stoß”. Ich freue mich über mein erstes gelerntes Wort in Landessprache und entscheide mich, während des Urlaubes meine Sprachkenntnisse zu erweitern. Günter sagt: „Wir sehen uns morgen Abend.” Ich schaue fragend. Günter sagt: „20.00 Uhr. Skat und Grillen. Aber jetzt pack erstmal aus und komm an.” Ich merke, ich bin im Urlaub. Wildfremde Menschen duzen mich.
Zweifel kommen auf, ob diese Pauschalreise die richtige Wahl gewesen ist. Man fühlt sich verpflichtet, Kontakte zu knüpfen und am angebotenen Programm teilzunehmen. Zum Glück hatte ich Selbstverpflegung gewählt. Freiheit im Urlaub. Eine wichtige Sache.
Ich beginne mit dem Ankommen und schaue erkundungssüchtig die direkte Umgebung an. Schöner Ausblick.
Das Auspacken geht schnell. Ich habe nur das Nötigste mitgenommen. Will ja entspannen. Die Klamotten sind schnell verstaut und ich beginne, dieses kleine Reich zu genießen. Es ist so ruhig hier und die Wandfarbe hat es mir angetan. Neben ein paar Bäumen und dem Blick auf andere Unterkünfte ist nicht viel zu sehen. Ergo: Kontemplation und Meditation durch Blick auf Kartoffelpüreewände sollen meine erste Urlaubsaktion sein. Nach kurzer Zeit klappt das auch. Ich fühle mich ruhig und komme auf komische Gedanken. Ich beschreibe meine T-Shirt-Farbe als „gekochter Schinken-rosa”. Bekomme kurz Angst, dass ich doch schwerer krank bin, als angenommen, schiebe diesen Gedanken aber schnell beiseite und erkläre die Gedanken mit dem Fehlen von Telefon, Handy, PC, Internet, etc. Frage mich, was die Jungs und Mädels aus DerWesten gerade so treiben. Vermisse sie, verbiete mir aber den Gang ins Internetcafé.
Ich esse noch ein Butterbrot, das ich am Morgen in meine Reisetasche gepackt habe und genieße einen rosa Sonnenuntergang. Jetzt bloß nicht an den Begriff „Schinken-Sonne” denken.
Tag 2:
Ich wache um 5.45 Uhr auf und fühle mich entgegen meinen sonstigen Aufwachgewohnheiten quietschfidel. Es war meine erste Nacht unter freiem Himmel. Die Vögel zwitschern und ich konzentriere mich auf die Geräusche der örtlichen Fauna. Mist, ich kann keinen dieser Piepmatzgeräusche zuordnen. Mir wird klar: Die Welt ist riesengroß und voller toller Sachen. Diese Erkenntnis habe ich verstärkt im Urlaub. Ich fotografiere einen dieser gefiederten Frühaufsteher und mir gelingt ein gutes Bild. Die zu Hause werden staunen. So Etwas haben die bestimmt auch noch nicht gesehen. Weil der Piepmatz so schön kugelrund ist, nenne ich ihn “Schinken-Spatz”.
Der Hunger meldet sich und ich entscheide mich, einen Supermarkt aufzusuchen. Das Glück ist mir hold und an der nächsten Ecke finde ich einen kleinen, putzigen Minimarkt. Ein dunkelhäutiger Mann, der wie ein Ureinwohner Australiens aussieht, grinst mich freundlich an. Ich spüre: Ich bin im Urlaub. Ich muss mich zuerst an dem unbekannten Angebot orientieren und kaufe dann Brötchen, abgepackte Salami, 3 Flaschen Limo, 2 Flaschen Wasser. Der Pakistani-Australo hat meinen Blick gedeutet und fragt: „Touriste?” Ich sage „ja” und er zeigt mir ganz viele „Speziale, Speziale…”. Ich lasse alles „Speziale” einpacken und gehe zurück.
Nach dem Frühstück (Brötchen, Mettwurst und Jägermeister) entscheide ich mich für sportliche Betätigung. Ein paar Kniebeugen, 12 Sit-Ups auf der Liege, ein paar Minuten Laufen auf der Stelle. Ich empfehle mir, dieses Sportprogramm nach meiner Heimkehr weiter zu führen. Immer diese Anwandlungen im Urlaub. Dabei ist es doch so einfach, ein paar Bewegungen mehr in den Alltag zu integrieren. Aber ihr kennt das ja: Im Urlaub geht so Manches einfacher.
Es klopft und eine weiß bekittelte Dame mit Koffer betritt das Zimmer. Ach ja, ich wollte ja auch Wellness im Urlaub haben. Die Dame stellt sich mir vor, ich höre Fetzen eines wohl russischen Namens und in minutenschnelle steht eine Massagebank unter freien Himmel. „Wunderbarowski…” sage ich blödsinnig und tauche ab in wunderbare Welten. Nach einer halben Stunde bin ich ein neuer Mensch und reif fürs Mittagessen. Mein durchmassierter Körper scheint etwas Besonderes auszustrahlen, denn kurz nach Austritt aus meinem Urlaubsdomizil werde ich von einem Ureinwohner angesprochen, der mich prompt zu sich einlädt. Er heißt Raouf, wohnt seit seiner Geburt in der Nähe meiner Unterkunft und beglückt mich mit Kichererbsenpürree, Hähnchen in Tomatensoße und süßem Mandelkuchen. Lecker. Man muss offen sein für Neues, für Fremdes.
Ich fühle mich schon ganz heimisch im fremden Land und nehme Raouf samt Familie mit zu Günters Grillabend. Dort lerne ich noch Jupp kennen, der sich als Gärtner um die Anlage kümmert. Von ihm bekomme ich eine mehrstündige Einführung in „Land und Leute”. Frikadelle heißt hier „Knastpralinchen” und die Frau vom Raouf nennt er „Madka”. Er verführt mich mehrmals zu „Urwaldmaggi”, was ich bis dato nur als „Pernod mit Cola” kannte. Cola heißt hier übrigens „Afrikanischer Riesling”.
Tag 3:
Teil 2 meines Wellness-Paketes wird noch vor dem Frühstück umgesetzt. Brigitte, deren Mann früher Dachdecker war, danach eine Videothek hatte und jetzt wegen Allergie für 400 Euro nachts im Getränkegroßhandel aushilft, macht mir die Nägel. Ich genieße das und ärgere mich, dass ich für so etwas Schönes erstmal einen Urlaub brauche. Naja, die Männer werden das verstehen. Brigitte erzählt mir von ihren ADS-Neffen, der blöden Politik vor Ort, einer schwangeren Lilly und dass sie es schade findet, dass ein gewisser Thomas Strunz jetzt zum dritten Mal geheiratet hätte. Den würde sie gut leiden können. Und 5 Kinder von 3 Frauen? Da würde eins mehr oder weniger auch noch passen. Sie holt ein Foto von Thomas Strunz aus ihrer Geldbörse und sagt, dass ihr Mann eifersüchtig sei. Sei ihr aber egal. Bisschen Spaß müsste ja schließlich sein.
Brigitte ist entwaffnend komisch und ich entscheide mich entgegen meinen sonstigen Einstellungen zum spontanen „Clubtanz” in der Anlage. Brigitte hüpft wie bekloppt vor mir herum und will, dass ich es ihr nachmache. Ich hüpfe und schreie also mit, rufe immer wieder etwas von „Jungle Drum” und „Dummdudummdududududududumm” und gehöre ab sofort zu denen, die im Urlaub etwas tun, was sie zu Hause nie tun würden. Beim Macarena-Angebot ziehe ich eine Grenze. Brigitte umarmt mich herzlich und gibt mir einen dicken Kuss. Diese Ausländer. Diese Herzlichkeit. Muss ich mir eine Scheibe von abschneiden. Schon wieder dieser „Schinken-Gedanke”.
Ich mache mich auf den Weg zum Bauern. Schließlich habe ich mir vorgenommen, einen einwandfrei ökologischen Urlaub zu verbringen. Vorbei an einer Straußenfarm muss ich entdecken, dass es sich um einen Kartoffelbauern handelt. Von wegen, „Wat der Bauer…”, nicht mit mir. Ich setze mich in die angegliederte Gastwirtschaft und löffle eine Kartoffelsuppe. Bin hellauf begeistert, wie mit so wenig Mitteln eine derartig leckere Delikatesse hergestellt werden kann. Ich könnte hüpfen vor Glück. Diese Einfachheit. Das habe ich gebraucht. Brigitte ist nicht in der Nähe und ich hüpfe in mich hinein.
Die Bäuerin gibt mir einen Zettel und ich verbringe meinen letzten Abend auf einer nationalkulturellen Veranstaltung. Schützenbruder Heinz leiht mir seine Trachtenjacke und Bernd hängt mir einen Schal mit einem schwarz-gelben Logo um. Sportfreunde 07. Ich lasse mich in Landestracht fotografieren. Alle sind traurig, dass ich morgen abreise. Wir tauschen Adressen aus und ich verspreche, dass ich wiederkomme.
Den letzten Abend auf Isla Balcony verbringe ich damit, meinen Freunden Postkarten zu schreiben. Die gab es kostenlos in einer Kneipe zu Hause.
Der Tag danach:
Bin völlig neben der Spur. Kann mich nicht an meine Umgebung gewöhnen. Schwelge in Tagträumen bis das Telefon klingelt. Keiner dran. Bin plötzlich aber hellwach, so als hätte ich tagelang tief und fest geschlafen und wunderbar geträumt. Ich entscheide mich, meine Wohnung zu verschönern. Gehe in den Baumarkt. Mittags ist mir nach typisch deutscher Kost. Kartoffelpüree, Olé!


